Schlagwort: Euro

Interview mit griechischer Tageszeitung Avgi

27. Juni 2010  Presseecho & Interviews

Interview mit der griechischen Tageszeitung Avgi. Das Original auf Griechisch gibt es hier

Avgi: Die Solidarität, die die Linke gegenüber Griechenland und der griechischen Gewerkschaften gezeigt hat, war fast eine Überraschung. Schlagen Sie tatsächlich vor, keine Waffen mehr an Griechenland zu verkaufen?

MS: Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Griechenlands Militärausgaben entsprechen 4,3 Prozent des BIP. In Deutschland sind es 1,5 Prozent des BIP. Die deutsche Regierung fordert von Griechenland Lohn- und Rentenkürzungen sowie Entlassungen. Gleichzeitig hat sie Papandreou dazu gedrängt, die Rüstungsverträge mit Deutschland einzuhalten. Mit anderen Worten: Die griechische Bevölkerung soll die Profite der deutschen Rüstungsindustrie bezahlen. Das wird die deutsche Linke niemals akzeptieren.

Avgi: Die Linke als Partei ist solidarisch gegenüber Griechenland. Glauben Sie dass das deutsche Volk auch solidarisch sein könnte?

MS: Man hat der Bevölkerung eingeredet, dass sie für Griechenland zahlt, dabei ist das Euro-Rettungspaket ein zweites Bankenrettungspaket. Die Spekulanten haben die Zinsen für Kredite in die Höhe getrieben und die Banken verdienen an der Staatsverschuldung. Es reicht daher nicht an Solidarität mit Griechenland oder die europäische Idee zu appellieren. Die Menschen empfinden Europa zunehmend als Bedrohung. Wir haben nur dann eine Chance wenn wir die Forderungen der Linken auch in nationale Politik übersetzen: Es geht um drei Kernbotschaften:

* Erstens, die Bevölkerung in ganz Europa zahlt für die Bankenrettung, aber die Finanzhaie machen weiter wie bisher. Wir fordern höhere Steuern für Unternehmen und Reiche – für Siemens wie die Familie Onassis.
* Zweitens, die Sparpakete werden die Wirtschaftskrise vertiefen und die Schulden erhöhen – in Griechenland und in Deutschland.
* Drittens, Deutschland hat wegen seiner Billiglöhne immer mehr Waren und Dienstleistungen nach Griechenland verkauft als umgekehrt. Die Griechen mussten sich daher zunehmend bei uns verschulden. Das war auch schlecht für Deutschland: Die Euro-Zone wuchs seit 1999 im Durchschnitt um 1,5 Prozent, Frankreich um 1,4 Prozent aber in Deutschland nur um 0,8 Prozent. Höhere Löhne in Deutschland sind daher gut für Europa und gut für Deutschland.

Avgi: Wie könnte man die Banken zwingen die griechischen –oder spanischen, portugiesischen usw.- Staatsanleihen zu behalten? Wie kann man überhaupt die Banken zwingen was zu tun? Nicht mal die Banken die dank staatlichem Geld gerettet wurden, werden gezwungen etwas zu tun. Was schlagen Sie vor?

MS: Banken leihen sich billiges Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und verleihen es zu Wucherzinsen an Euro-Staaten. DIE LINKE fordert direkte Kredite der EZB an Euro-Staaten, wie in den USA, England oder Japan, um die Macht der Banken und Kapitalmärkte zu brechen. DIE LINKE will die privaten Geschäftsbanken zudem verstaatlichen, um die Steuerzahler mit den Gewinnen zu entschädigen. Das ist die billigste Lösung.

Avgi: Was erwarten Sie vom G-20-Treffen?

MS: Wenig. Das Problem ist Deutschland. Selbst Obama kritisiert das deutsche Sparpaket, weil das Ausland nicht länger bereit ist die deutsche Exportindustrie mit Schulden zu finanzieren. Die Bundesregierung will eine sehr kleine Banken- und Finanzabgabe. Sie will den Wettbewerb um die billigste Lösung für die Finanzhaie anheizen.

Avgi: Wenn es wieder zu keinem Ergebnis (Finanztransaktionssteuer, Bankenabgabe, Kontrolle der Finanzmärkte, usw.) kommt, glauben Sie dass Europa im Alleingang etwas bewirken könnte?

MS: Die EU ist der größte Binnenmarkt der Erde. Europa könnte vieles auch alleine machen. Aber die Regierungen sind nur noch Marionetten der Finanzmärkte. Die Freiheit des Kapitalverkehrs ist in den europäischen Verträgen heilig. Der Widerstand gegen die Sparpakete ist daher der Kampf um die Demokratie.

Avgi: Zum Thema Europäische Wirtschaftsregierung: Wie stellen Sie sich eine echte Wirtschaftsregierung vor?

MS: Wir brauchen Mindeststeuern für Unternehmen und eine koordinierte Lohnpolitik. Die Bundesregierung versteht unter Wirtschaftsregierung aber nur einen noch strengeren Stabilitäts- und Wachstumspakt.

Avgi: Glauben Sie dass eine andere politische Mehrheit in Deutschland eine Wirtschaftsregierung nicht mehr bremsen würde? Sind eigentlich die anderen Euro-Länder eher bereit dafür?

MS: Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder hat das deutsche Lohndumping angeheizt. Der ehemalige SPD-Finanzminister Lafontaine war der Einzige, der bereits vor zehn Jahren für eine echte Wirtschaftsregierung kämpfte. Er wurde dann unser Parteivorsitzender. Die Sozialdemokratie muss sich ändern, dann hat Europa eine Chance. Länder wie Spanien und Frankreich haben andere Interessen. sie wollen auch über das deutsche Lohndumping reden.

Avgi: Sollte man den Stabilitätspakt reformieren? Und in welcher Richtung? Sollte zum Beispiel die Arbeitslosigkeitsquote ein Kriterium sein?

MS: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt ist dumm. Spanien hat seine öffentlichen Defizite bis zur Krise radikal abgebaut, sie waren geringer als in Deutschland. Aber die privaten Haushalte in Spanien haben sich verschuldet, wegen der deutschen Billiglöhne. Wir brauchen daher einen außenwirtschaftlichen Stabilitätspakt. Länder die wie Deutschland mehr exportieren als importieren müssten dann mehr für höhere Löhne und öffentliche Investitionen tun.

Avgi: Glauben Sie dass die Menschen in Europa sich gegen diesen Sparwahn wehren können und wehren werden?

MS: Antonio Gramsci sagte: Optimismus des Willens, Pessimismus des Verstands. Ja, die Menschen werden sich wehren. Nur wenn die Linke in Europa nicht angriffslustiger wird, profitieren rechte Parteien. Das müssen wir verhindern – hier wie in Griechenland.

Interview: Regierung spart uns in die Krise

24. Juni 2010  Presseecho & Interviews

www.linksfraktion.de

Die Euro-Krise ist nicht vorbei. Spekulanten attackieren nach Griechenland weitere Euro-Staaten. Die Ratingagentur Fitch hat spanische Staatsanleihen herabgestuft. Spanien muss jetzt höhere Zinsen für neue Kredite zahlen und Spaniens Banken erhalten am Kapitalmarkt kaum noch Geld. Warum hat das Euro-Rettungspaket über 750 Mrd. Euro bisher nicht gewirkt?

Michael Schlecht: Die Euro-Rettung durch Bundeskanzlerin Merkel war ein Rettungsring aus Blei bzw. ein zweites Bankenrettungspaket. Die Bevölkerung soll für die Krise zahlen. Die Sparpakete mitten in der Krise werden die Wirtschaft in der Euro-Zone abwürgen, die Schulden werden dadurch steigen und nicht sinken. Die Spekulanten und Ratingagenturen wissen das: Die Ratingagentur Fitch hat Spaniens Papiere wegen der negativen Auswirkungen des Sparpakets herabgestuft.

Die Fraktion DIE LINKE will Spekulanten entwaffnen. Zocker können mit Credit Default Swaps (Kreditausfallversicherungen) auf Staatsbankrotte wetten. Sie spekulieren darauf, dass ein Land Pleite geht und treiben die Zinsen für Kredite in die Höhe. Das ist wie eine Feuerversicherung auf das Haus des Nachbarn: Sobald es brennt, macht man Kasse. Wir fordern daher u.a. ein vollständiges Verbot von Hedge-Fonds und Credit Default Swaps (Kreditausfallversicherungen).

Das ist aber sicher nicht ausreichend?

Das Kernproblem bleibt ungelöst: Die deutschen Billiglöhne bzw. die hohen deutschen Exportüberschüsse. Die Lohnstückkosten, also die Löhne im Verhältnis zur Produktivität, sind seit 2000 im Rest der Eurozone um 31 Prozent gestiegen, in Deutschland aber nur um 7 Prozent. Schuld sind die Agenda 2010 und Hartz IV. Deutsche Unternehmen haben wegen der niedrigen Löhne mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland verkauft als umgekehrt. Daher mussten sich unsere EU-Partner immer stärker bei uns verschulden.

Auch Länder wie Spanien, die ihre öffentlichen Defizite bis zur Krise radikal reduziert haben, haben wegen der deutschen Exportkrankheit jetzt hohes Fieber. Das Lohndumping hat aber nicht nur dem Euro geschadet sondern auch Deutschland. Die Euro-Zone wuchs seit 1999 im Jahresdurchschnitt um 1,4 Prozent, in Frankreich um 1,5 Prozent, in Deutschland aber nur um 0,8 Prozent. Wenn Deutschland weiter auf Billiglöhne setzt, wird es neue Schuldenkrisen und Rettungspakete geben. Ganzen Beitrag lesen »

Der Euro brennt, Ackermann feiert

27. Mai 2010  Presseerklärungen

„Wenn der Euro brennt, feiert die Deutsche Bank eine Party“, kommentiert Michael Schlecht die Hauptversammlung der Deutschen Bank. Der Chefvolkswirt der Fraktion DIE LINKE. weiter:

„Die Kritik der Bundesregierung an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist ein Ablenkungsmanöver. Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Ackermann öffentlich über einen griechischen Staatsbankrott spekuliert, sondern dass die Deutschen Bank mit Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps) gegen Euro-Staaten spekuliert. Banken leihen sich zudem billiges Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und verleihen es dann zu Wucherzinsen an Euro-Staaten.

Ackermann hat daher Recht im Unrecht. Die Sparprogramme in der Krise werden die Lage in Griechenland und anderen Euro-Staaten weiter verschärfen, die Schulden werden explodieren, die Banken Kasse machen.

DIE LINKE hat daher drei Vorschläge, um das zu verhindern: Erstens darf es keine Sparprogramme auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit geben. Eingeeignetes Mittel, die leeren Staatskassen wieder zu füllen, ist eine Millionärssteuer. Zweitens brauchen wir ein vollständiges Verbot von Credit Default Swaps. Und drittens muss die EZB den Euro-Staaten direkte Kredite gewähren und so die Wucherzinsen der Banken drücken.“

Neues Positionspapier: Der Euro brennt

21. Mai 2010  Kommentare, Positionen

Am Freitag den 21. Mai 2010 hat die Bundesregierung den deutschen Anteil des Euro-Rettungspaketes in Höhe von bis zu 150 Milliarden Euro im Bundestag und Bundesrat durchgedrückt. Damit wurden in zwei Sitzungswochen hintereinander im beschleunigten Verfahren, getrieben von den Finanzmärkten massive Hilfen beschlossen. DIE LINKE hat dem widersprochen und das Gesetz der Bundesregierung abgelehnt.

Der Hintergrund: Der Euro brennt, letztlich geht es um die Zukunft Europas.

Lesen sie hierzu das von mir herausgegebene Papier:

Kommentar: …und jetzt brennt der Euro

12. Mai 2010  Kommentare

Kaum war die Kredithilfe für Griechenland im Parlament durchgepeitscht, verschärfte sich die Spekulation gegen den Euro. Die Sitzung der EU-Minister­präsidenten am Freitagabend wurde zum Krisengipfel. Über das Wochenende musste ein Rettungspaket her. Insgesamt umfasst dies 750 Milliarden Euro. 60 Milliarden direkte Hilfen der EU und 440 Milliarden Euro an Kredithilfen. Zusätzlich stellt der IWF weitere 250 Milliarden Euro bereit.

Merkel ist die Getriebene. Unter dem Druck der Spekulanten ließ sie Vorbehalte unter den Tisch fallen lassen, mit denen sie noch vor wenigen Wochen eine rechtzeitige Hilfe für Griechenland verhindert hat. Im EU-Vertrag sind finanzielle Hilfen, also auch Kredite zwischen den Staaten eigentlich ausgeschlossen. Jetzt hat man eine Ausnahmeregelung uminterpretiert. Bislang war es zudem unvorstellbar, dass die EZB Staatsanleihen der Mitgliedsländer direkt aufkauft und damit stützt. Nach politischem Druck und möglicherweise eigener Einsicht hat jetzt die EZB direkt Staatsanleihen aufgekauft.

Dies sind Schritte in die richtige Richtung. Jedoch sperrt sich die Kanzlerin weiter gegen Eurobonds, um die Zinsen zu drücken. Auch sind bislang keine Schritte erkennbar die Spekulation zu unterbinden, die alles nur noch schlimmer bzw. teurer macht. Vor allem: den tieferliegenden Ursachen wird nicht Rechnung getragen.

  • Deutsche Unternehmer haben aufgrund des deutschen Lohndumpings seit 2000 einen Außenhandelsüberschuss von 1,3 Billionen Euro erzielt. Dies führte zu einer Verschuldung anderer Länder, dies sich mittelbar auch in Gestalt von wachsenden Staatsdefiziten auswirkte. In Europa sind dies vor allem die Südländer. Deshalb geraten sie auch als erste ins Visier der Finanzmärkte.
  • Hinzu kommt, dass die Verschuldung der großen Industriestaaten im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise dramatisch angestiegen ist. Allein in Deutschland geht die Hälfte der neuen Schulden von 180 Milliarden Euro seit 2008 auf das Konto der Bankenrettung. In anderen Ländern sieht die Lage viel dramatischer aus.

Wir brauchen vor allem eine Wirtschaftspolitik, die auf außenwirtschaftlichem Gleichgewicht beruht. Die Binnennachfrage muss in Deutschland angekurbelt werden durch höhere Löhne und staatliche Investitionsprogramme. Außerdem muss die Verschuldung bekämpft werden. DIE LINKE hat in der Krise schon immer gefordert, dass die Reichen die Kosten der Krise bezahlen sollen. Stattdessen wurde alles auf Pump finanziert.

Die Reichen sind zu reich und die Staaten zu arm. Wegen des Lohndumpings und der vielen Steuergeschenke. Ungerecht war das schon immer, jetzt wird es zum wirtschaftspolitischen Problem.

Wir brauchen eine massive Besteuerung von Reichen und Vermögenden. Zum Beispiel durch die Millionärsteuer. Sie bringt allein 80 Milliarden Euro. Und die Finanztransaktionsteuer, die in Deutschland mehr als zehn Milliarden Euro einbringen kann, europaweit 70 Milliarden. Darüber hinaus muss geprüft werden, ob die generelle Beschneidung der Forderungen der Gläubiger gegen Euro-Staaten machbar ist – und zwar europaweit. Auch hierzu brauchen wir die Vergesellschaftung der privaten Banken.

Euro schützen: Zocker zur Kasse bitten und Spekulanten entwaffnen

10. Mai 2010  Presseerklärungen

“Statt Profiteure der Finanzkrise zur Kasse zu bitten, haben sich die EU-Staaten mit Bankenrettungen und Konjunkturprogrammen massiv verschuldet”, kommentiert Michael Schlecht, Chefvolkswirt der Fraktion DIE LINKE, das Rettungspaket von über 700 Milliarden Euro, das die EU-Finanzminister in der Nacht zu Montag im Kampf gegen Spekulanten geschnürt haben. Schlecht weiter:

„Diese Verschuldung muss zurückgeführt werden. Wir brauchen einen EU-weiten hair cut bei den Staatsanleihen, eine Besteuerung großer Vermögen und die Entwaffnung der Spekulanten. Jetzt muss die EU mit einer Flut an Krediten Merkels Flächenbrand löschen, den sie durch ihr langes Zögern verursacht hat. Eine schnellere Entscheidung für eine Hilfe Griechenlands hätte die Risiken für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler erheblich reduziert.

Es ist begrüßen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) endlich der Forderung der LINKEN entspricht und Euro-Staaten, ohne Umweg über private Banken, Kredite gewährt. Jetzt muss Merkel auch ihren Widerstand gegen Euro-Anleihen aufgeben, um die Wucherzinsen der Spekulanten zu drücken. Notwendig ist zudem ein Verbot von Credit Default Swaps sowie von Leerverkäufen, um die Zocker endlich zu entwaffnen.“

Gastkommentar: Hilfe sieht anders aus

Neues Deutschland, 07. Mai 2010

Griechenland muss geholfen und der Euro gerettet werden. Mit dem Gesetz der Regierung wird jedoch die Situation für Griechenland und die Schuldenkrise in Europa verschärft. Deshalb lehnt die Fraktion DIE LINKE dieses Gesetz ab.

Das griechische Volk wird in einen atemberaubenden Sozialabbau getrieben. Vor allem auf Druck der »eisernen Kanzlerin«. Zusätzlich zu den bereits geplanten Verschlechterungen werden 30 Milliarden Euro weggekürzt. Die Agenda 2010 wird in radikalisierter Form exportiert. Der Kampf der griechischen Bevölkerung gegen das Kürzungspaket ist der gleiche Kampf gegen die Umverteilung, den auch wir in Deutschland führen. Er hat unsere volle Solidarität.

EU und IWF gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt 2010 um vier Prozent einbrechen wird. Bankökonomen befürchten einen Rückgang um zehn Prozent. Dies wird desaströse Auswirkungen auf die Steuereinnahmen haben und die Verschuldungsquote in die Höhe treiben.

Deutschland macht mit dem griechischen Desaster auch noch satte Profite. Für fünf Prozent werden die Kredite vergeben, für rund 2,3 Prozent refinanziert – macht 300 Millionen Euro jährlichen Gewinn. Mitverursacher des griechischen Dramas sind die Spekulanten, die seit Monaten auf den Staatscrash wetten und die Zinsen in die Höhe getrieben haben. Kreditversicherungen, sogenannte CDS, und Leerverkäufe müssen endlich verboten werden.

Die privaten Banken und Finanzprofiteure müssen zur Kasse gebeten werden. Deshalb wollen wir ein Schuldenmoratorium. Damit würden alle Zinszahlungen und Schuldentilgungen für drei Jahre ausgesetzt. Darüber hinaus muss geprüft werden, ob Zwangsanleihen sinnvoll sind. Mit der Verpflichtung, Anleihen in Höhe von 0,5 Prozent der Bilanzsumme zu halten, würden bis zu 35 Milliarden Euro zusammenkommen.

Ebenso muss die Möglichkeit einer Umschuldung geprüft werden. Die Krise in Griechenland ist nur die Spitze des Eisbergs. Mit den Rettungsaktionen der Finanzmärkte steigen die Staatsdefizite in den 27 EU-Staaten 2010 auf den Rekordstand von 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland auf fünf Prozent.

Für eine dauerhafte Lösung müssen die Ungleichgewichte im europäischen Handel beseitigt werden. Die Lohnstückkosten stiegen seit dem Jahr 2000 in der Eurozone um 27 Prozent, in Griechenland um 28 Prozent. In Deutschland jedoch nur um sieben Prozent! Der Grund: Nur in Deutschland sind die Löhne seit 2000 preisbereinigt gesunken. In allen anderen Ländern sind sie gestiegen.

Dieses deutsche Lohndumping hat den Unternehmern eine Streitaxt zur Eroberung anderer Länder in die Hand gegeben. So auch gegenüber Griechenland. Deutschland ist verantwortlich für den Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Deutschland muss den Exportüberschuss zurückfahren und die Binnennachfrage stärken. Unter anderem durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns mit 10 Euro, ein Zukunftsinvestitionsprogramm von 100 Milliarden Euro für Bildung, Energie, Verkehr und die Schaffung von zwei Millionen tariflich bezahlter Jobs.

Gastkommentar: Banken müssen ran

Junge Welt, 6. Mai 2010

Seit Wochen wettern deutsche Medien gegen »den faulen Pleite-Griechen«. Viele sind gegen Hilfen. Das wundert nicht, tragen doch die Beschäftigten den größten Teil der Steuerlast. Und die Regierung stellt Kürzungen von 50 bis 60 Milliarden Euro bis 2016 allein im Bundeshaushalt in Aussicht.

Große Teile der griechischen Bevölkerung haben ähnliche Probleme wie wir in Deutschland. Reiche und Vermögende drücken sich vorm Steuerzahlen. Die Steuersätze sind zu niedrig und lassen zu viele Schlupflöcher offen. Und es werden lieber Steuerbeamte und -fahnder eingespart, anstatt sie auf die Reichen anzusetzen. Gäbe es in Deutschland eine Besteuerung der Reichen wie von Gewerkschaften gefordert, wären 70 Milliarden mehr in der Kasse, mit dem Steuerkonzept der Linken sogar 160 Milliarden Euro. Gäbe es in Griechenland für Reiche angemessene Einkommens- und Vermögenssteuern, die auch bezahlt werden, würde es keine drohende Zahlungsunfähigkeit geben.

Griechenland hat seine Staatsquote, also die Staatsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, seit dem Beitritt zur Eurozone drastisch reduziert. Sie war bis zur Krise stets niedriger als in Deutschland. Griechenlands Staat ist daher nicht zu fett, sondern zu schwach. Er nimmt zuwenig Steuern ein. Die effektiven Steuern auf Gewinne und Vermögen entsprechen in Griechenland mit 16 Prozent nur der Hälfte des Durchschnitts der Eurozone.

Die Bundesregierung will nun Kredite von 22 Milliarden Euro über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an Griechenland vergeben – zu einem Zinssatz von etwa fünf Prozent. Die KfW kann sich jedoch mit einem Zins von 2,3 Prozent refinanzieren. Diese Zinsdifferenz führt zu einem jährlichen Gewinn von etwa 300 Millionen Euro. Der Bund macht also mit dem griechischen Desaster auch noch satte Profite.

Die Rechnung bezahlt die Mehrheit der griechischen Bevölkerung, nicht die Familie Onassis. Das griechische Volk wird in einen atemberaubenden Sozialabbau getrieben. Vor allem auf Druck der »eisernen Kanzlerin«. Zusätzlich zu den bereits geplanten Verschlechterungen werden 30 Milliarden Euro weggekürzt. Beschäftigten beim Staat wird das Gehalt um insgesamt 15 Prozent gestrichen. Die Renten werden weiter reduziert und die Mehrwertsteuer auf 23 Prozent angehoben. Und in der Privatwirtschaft will die Regierung den Kündigungsschutz lockern. Dies soll dazu führen, mit Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes die Menschen gefügig zu machen.

Die griechische Wirtschaft wird so nur noch weiter stranguliert. Für 2010 wird ein Einbruch der Wirtschaft um mehr als vier Prozent erwartet. Damit werden die Steuereinnahmen weiter zurückgehen und die Verschuldung droht, weiter zu steigen.

Deutsche Banken halten griechische Staatsanleihen von 30 Milliarden Euro in den Büchern. Sie verdienen an der Staatsverschuldung.

Ein sinnvolles Instrument zur Beteiligung des privaten Bankensektors ist eine Zwangsanleihe. Die Regierung könnte private Banken verpflichten, in Höhe von 0,5 Prozent der Bilanzsumme griechische Anleihen zu halten. 35 Milliarden Euro würden so zusammenkommen. Die Verzinsung müßte unterhalb des Satzes liegen, zu dem sich Banken Geld bei der Zentralbank leihen. Dann würde auch die Deutsche Bank für Griechenland zahlen.

Um die Probleme grundlegend anzugehen, muß das deutsche Lohndumping beendet werden. Der Euro kann nur funktionieren, wenn die Löhne in der Eurozone nicht völlig auseinanderlaufen. Die internationale Kritik an den deutschen Billiglöhnen ist berechtigt: Die Lohnstückkosten, das heißt die Löhne im Verhältnis zur Produktivität der Beschäftigten, stiegen im Rest der Eurozone seit 2000 um 27 Prozent, in Griechenland um 28 Prozent aber in Deutschland nur um sieben Prozent. Schuld sind unter anderem die Agenda 2010, Leiharbeit, Befristungen und Hartz IV. Deutschland hat wegen seiner Billiglöhne mehr Waren und Dienstleistungen an das Ausland verkauft als umgekehrt. Unsere EU-Partner mußten sich daher immer stärker bei uns verschulden. Für diese Auslandsschulden von privaten Haushalten und Unternehmen haftet in der Krise der Staat. Das griechische Finanzdesaster ist also auch Resultat deutscher Politik und deutschem Sozialabbau.

Deutschland muß mehr für die Binnennachfrage tun. Eine Sofortmaßnahme ist der gesetzliche Mindestlohn von zehn Euro. Außerdem muß das Arbeitslosengeld II auf 500 Euro angehoben werden. Und mit dem Zukunftsprogramm in Höhe von 100 Milliarden Euro müssen Bildung und Erziehung sowie Verkehr und die Energiewende vorangebracht werden. Zwei Millionen zusätzliche Beschäftigte, die so einen Job erhalten, führen zu einem deutlichen Schub der Binnenwirtschaft.