Artikel in der Leipziger Volkszeitung vom 24. Juli 2010
Linke-Politiker Schlecht widerspricht Wirtschaftsminister Brüderle
Leipzig (wer). Die Linke fordert die Arbeitgeber in Deutschland in den anstehenden Tarifverhandlungen zu deutlichen Lohnsteigerungen auf. “Höhere Löhne sichern den Aufschwung”, sagte Michael Schlecht, Chefvolkswirt der Fraktion Die Linke. Wegen der Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren sei die Wirtschaft in Deutschland dagegen deutlich schwächer gestiegen als in anderen Ländern Europas. “Nur wenn die Menschen mehr Geld in die Geschäfte tragen, werden die Unternehmen investieren.” Schlecht reagierte damit auf Äußerungen des Bundeswirtschaftsministers Rainer Brüderle (FDP). “Wenn zukünftige Lohnerhöhungen die Produktivitätsentwicklung in den Unternehmen übersteigen würden, würden die bisherigen eschäftigungserfolge in Gefahr geraten”, hatte Brüderle kürzlich dieser Zeitung gesagt. “Das sollte man nicht riskieren.”
Schlecht räumte ein: “Wir brauchen Löhne, die sich an der Produktivität orientieren.” Im Gegensatz zu Brüderle leitete er daraus aber eine Forderung nach deutlichen Tarifsteigerungen ab. “Würde Brüderle diese Regel ernst nehmen, müssten die Löhne in Deutschland kräftig wachsen, um die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre auszugleichen.” Als Beleg nannte Schlecht die Entwicklung der Lohnstückkosten: In Deutschland seien sie seit 2000 um sieben Prozent gestiegen, im Rest der Eurozone dagegen um durchschnittlich 29 Prozent. Anderswo sind also die Arbeitskosten im Verhältnis zur Produktivität stärker gestiegen als in Deutschland.
Anders als Brüderle sieht Schlecht einen Nachteil in einer zurückhaltenden Tarifpolitik. “Die niedrigeren Löhne haben dem Wachstum geschadet.” Die Wirtschaft der Euro-Zone habe seit 1999 im Durchschnitt um 1,4 Prozent, die deutsche aber nur um 0,8 Prozent zugelegt. Auch sei die ostdeutsche Wirtschaft nicht deshalb besser durch die Wirtschaftskrise gekommen als die westdeutsche, weil die Menschen hier weniger verdienten. “Die stabilere Entwicklung im Osten hat mit der geringeren Exportabhängigkeit zu tun”, sagte Schlecht. “Sonst hätte sich der ostdeutsche Arbeitsmarkt auch in den Jahren davor besser entwickeln müssen als im Westen.”





