Gastbeiträge in Zeitungen

Höhere Löhne sichern Aufschwung

27. Juli 2010  Gastbeiträge in Zeitungen

Artikel in der Leipziger Volkszeitung vom 24. Juli 2010

Linke-Politiker Schlecht widerspricht Wirtschaftsminister Brüderle

Leipzig (wer). Die Linke fordert die Arbeitgeber in Deutschland in den anstehenden Tarifverhandlungen zu deutlichen Lohnsteigerungen auf. “Höhere Löhne sichern den Aufschwung”, sagte Michael Schlecht, Chefvolkswirt der Fraktion Die Linke. Wegen der Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren sei die Wirtschaft in Deutschland dagegen deutlich schwächer gestiegen als in anderen Ländern Europas. “Nur wenn die Menschen mehr Geld in die Geschäfte tragen, werden die Unternehmen investieren.” Schlecht reagierte damit auf Äußerungen des Bundeswirtschaftsministers Rainer Brüderle (FDP). “Wenn zukünftige Lohnerhöhungen die Produktivitätsentwicklung in den Unternehmen übersteigen würden, würden die bisherigen eschäftigungserfolge in Gefahr geraten”, hatte Brüderle kürzlich dieser Zeitung gesagt. “Das sollte man nicht riskieren.”

Schlecht räumte ein: “Wir brauchen Löhne, die sich an der Produktivität orientieren.” Im Gegensatz zu Brüderle leitete er daraus aber eine Forderung nach deutlichen Tarifsteigerungen ab. “Würde Brüderle diese Regel ernst nehmen, müssten die Löhne in Deutschland kräftig wachsen, um die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre auszugleichen.” Als Beleg nannte Schlecht die Entwicklung der Lohnstückkosten: In Deutschland seien sie seit 2000 um sieben Prozent gestiegen, im Rest der Eurozone dagegen um durchschnittlich 29 Prozent. Anderswo sind also die Arbeitskosten im Verhältnis zur Produktivität stärker gestiegen als in Deutschland.

Anders als Brüderle sieht Schlecht einen Nachteil in einer zurückhaltenden Tarifpolitik. “Die niedrigeren Löhne haben dem Wachstum geschadet.” Die Wirtschaft der Euro-Zone habe seit 1999 im Durchschnitt um 1,4 Prozent, die deutsche aber nur um 0,8 Prozent zugelegt. Auch sei die ostdeutsche Wirtschaft nicht deshalb besser durch die Wirtschaftskrise gekommen als die westdeutsche, weil die Menschen hier weniger verdienten. “Die stabilere Entwicklung im Osten hat mit der geringeren Exportabhängigkeit zu tun”, sagte Schlecht. “Sonst hätte sich der ostdeutsche Arbeitsmarkt auch in den Jahren davor besser entwickeln müssen als im Westen.”

Heißer Herbst – auch im Parlament?

Gastbeitrag von Michael Schlecht im Neuen Deutschland vom 17.07.2010

Seit 2008 sind die Staatsschulden um 180 Milliarden Euro angestiegen. Rund 100 Milliarden gehen auf das Konto der Bankenrettung. Bei Angela Merkel ist keine Rede davon, die Kosten bei den Banken, Spekulanten und Reichen zu kassieren. Dabei haben sie schon in den letzten zehn Jahren mehr als 300 Milliarden an Steuergeschenken erhalten.

Bezahlen sollen vor allem Erwerbslose. Und im öffentlichen Dienst werden 15 000 Stellen vernichtet. 80 Milliarden Euro will Merkel bis 2014 wegstreichen. Und ab 2012 beginnt die Einführung der Rente mit 67, die faktisch zu einer Kürzung der Rente führt. Bei vielen Beschäftigen geht das Lohndumping weiter. Trotzdem müssen steigende Beiträge zur Krankenversicherung gezahlt werden. In Zukunft müssen Beschäftige und Rentner Zusatzbeiträge alleine tragen – faktisch kommt die Kopfpauschale durch die Hintertür. Und die Städte und Gemeinden bluten aus. 2010 werden ihnen 15 Milliarden fehlen.

Der jetzt angedrohte Sozialabbau wäre überflüssig, wenn die Regierung Reiche und Vermögende zur Kasse bittet. Allein mit der Millionärssteuer wären Mehreinnahmen von 80 Milliarden Euro möglich. Weshalb nicht Vermögen von mehr als einer Million Euro mit fünf Prozent besteuern? Mit weiteren Schritten könnten insgesamt 160 Milliarden Euro zusätzliche in die Staatskasse sprudeln. Statt den Ärmsten der Armen in die Tasche zu greifen, wäre dann auch mehr und bessere Bildung, ein Ausbau der Infrastruktur und der ökologische Umbau möglich.

Ob Merkels Angriff abgewehrt werden kann, ob sogar ein Politikwechsel möglich ist, entscheidet sich am wenigsten im Parlament. Widerstand in den Betrieben und auf der Straße ist angesagt. Erst wenn die Straße kocht, erst wenn im Herbst in vielen Städten Hunderttausende aufstehen, dann verändert sich das politische Klima.

Chancen für einen heißen Herbst bestehen. Der DGB hat beschlossen vom 24. Oktober bis 13. November Aktionswochen durchzuführen. In den Betrieben und auf der Straße. Am 13. November wird es an mehreren Orten dezentrale Demonstrationen geben. Bereits jetzt im Juli beginnen vielerorts vorbereitende Funktionärskonferenzen. Sozialverbände, Kirchen, attac und andere Gruppen der sozialen Bewegung werden dies unterstützen. Auch die LINKE wird die eigene Mitgliedschaft mobilisieren. Es bleibt zu hoffen, dass auch SPD und Grüne ihre Anhängerschaft in Stellung bringen. Damit eine wirkliche breite, machtvolle Bewegung entsteht. Dann besteht die Chance auch im Parlament einer schwarz-gelben Regierung in den Arm zu fallen.

Dafür ist ein Widerstandsbündnis der Opposition notwendig. Nicht nebensächliche Streitereien etwa darüber, ob die LINKE den Neo-Konservativen Joachim Gauck bei der Präsidentenwahl hätte wählen sollen. Viel wichtiger ist, ob und wieweit sich SPD und Grüne von Agenda 2010 und Rente mit 67 verabschieden. Dabei muss vor allem die SPD Interesse an ihrer Vergangenheitsbewältigung haben. Das Widerstandbündnis der Oppositionsparteien ist der Resonanzboden im Parlament und kann den Menschen vor Ort Mut machen und die Proteste befördern. Deshalb müssen auch die Gewerkschaften an einem derartigen Bündnis Interesse haben.

Gastkommentar: Hilfe sieht anders aus

Neues Deutschland, 07. Mai 2010

Griechenland muss geholfen und der Euro gerettet werden. Mit dem Gesetz der Regierung wird jedoch die Situation für Griechenland und die Schuldenkrise in Europa verschärft. Deshalb lehnt die Fraktion DIE LINKE dieses Gesetz ab.

Das griechische Volk wird in einen atemberaubenden Sozialabbau getrieben. Vor allem auf Druck der »eisernen Kanzlerin«. Zusätzlich zu den bereits geplanten Verschlechterungen werden 30 Milliarden Euro weggekürzt. Die Agenda 2010 wird in radikalisierter Form exportiert. Der Kampf der griechischen Bevölkerung gegen das Kürzungspaket ist der gleiche Kampf gegen die Umverteilung, den auch wir in Deutschland führen. Er hat unsere volle Solidarität.

EU und IWF gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt 2010 um vier Prozent einbrechen wird. Bankökonomen befürchten einen Rückgang um zehn Prozent. Dies wird desaströse Auswirkungen auf die Steuereinnahmen haben und die Verschuldungsquote in die Höhe treiben.

Deutschland macht mit dem griechischen Desaster auch noch satte Profite. Für fünf Prozent werden die Kredite vergeben, für rund 2,3 Prozent refinanziert – macht 300 Millionen Euro jährlichen Gewinn. Mitverursacher des griechischen Dramas sind die Spekulanten, die seit Monaten auf den Staatscrash wetten und die Zinsen in die Höhe getrieben haben. Kreditversicherungen, sogenannte CDS, und Leerverkäufe müssen endlich verboten werden.

Die privaten Banken und Finanzprofiteure müssen zur Kasse gebeten werden. Deshalb wollen wir ein Schuldenmoratorium. Damit würden alle Zinszahlungen und Schuldentilgungen für drei Jahre ausgesetzt. Darüber hinaus muss geprüft werden, ob Zwangsanleihen sinnvoll sind. Mit der Verpflichtung, Anleihen in Höhe von 0,5 Prozent der Bilanzsumme zu halten, würden bis zu 35 Milliarden Euro zusammenkommen.

Ebenso muss die Möglichkeit einer Umschuldung geprüft werden. Die Krise in Griechenland ist nur die Spitze des Eisbergs. Mit den Rettungsaktionen der Finanzmärkte steigen die Staatsdefizite in den 27 EU-Staaten 2010 auf den Rekordstand von 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland auf fünf Prozent.

Für eine dauerhafte Lösung müssen die Ungleichgewichte im europäischen Handel beseitigt werden. Die Lohnstückkosten stiegen seit dem Jahr 2000 in der Eurozone um 27 Prozent, in Griechenland um 28 Prozent. In Deutschland jedoch nur um sieben Prozent! Der Grund: Nur in Deutschland sind die Löhne seit 2000 preisbereinigt gesunken. In allen anderen Ländern sind sie gestiegen.

Dieses deutsche Lohndumping hat den Unternehmern eine Streitaxt zur Eroberung anderer Länder in die Hand gegeben. So auch gegenüber Griechenland. Deutschland ist verantwortlich für den Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Deutschland muss den Exportüberschuss zurückfahren und die Binnennachfrage stärken. Unter anderem durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns mit 10 Euro, ein Zukunftsinvestitionsprogramm von 100 Milliarden Euro für Bildung, Energie, Verkehr und die Schaffung von zwei Millionen tariflich bezahlter Jobs.

Gastkommentar: Banken müssen ran

Junge Welt, 6. Mai 2010

Seit Wochen wettern deutsche Medien gegen »den faulen Pleite-Griechen«. Viele sind gegen Hilfen. Das wundert nicht, tragen doch die Beschäftigten den größten Teil der Steuerlast. Und die Regierung stellt Kürzungen von 50 bis 60 Milliarden Euro bis 2016 allein im Bundeshaushalt in Aussicht.

Große Teile der griechischen Bevölkerung haben ähnliche Probleme wie wir in Deutschland. Reiche und Vermögende drücken sich vorm Steuerzahlen. Die Steuersätze sind zu niedrig und lassen zu viele Schlupflöcher offen. Und es werden lieber Steuerbeamte und -fahnder eingespart, anstatt sie auf die Reichen anzusetzen. Gäbe es in Deutschland eine Besteuerung der Reichen wie von Gewerkschaften gefordert, wären 70 Milliarden mehr in der Kasse, mit dem Steuerkonzept der Linken sogar 160 Milliarden Euro. Gäbe es in Griechenland für Reiche angemessene Einkommens- und Vermögenssteuern, die auch bezahlt werden, würde es keine drohende Zahlungsunfähigkeit geben.

Griechenland hat seine Staatsquote, also die Staatsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, seit dem Beitritt zur Eurozone drastisch reduziert. Sie war bis zur Krise stets niedriger als in Deutschland. Griechenlands Staat ist daher nicht zu fett, sondern zu schwach. Er nimmt zuwenig Steuern ein. Die effektiven Steuern auf Gewinne und Vermögen entsprechen in Griechenland mit 16 Prozent nur der Hälfte des Durchschnitts der Eurozone.

Die Bundesregierung will nun Kredite von 22 Milliarden Euro über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an Griechenland vergeben – zu einem Zinssatz von etwa fünf Prozent. Die KfW kann sich jedoch mit einem Zins von 2,3 Prozent refinanzieren. Diese Zinsdifferenz führt zu einem jährlichen Gewinn von etwa 300 Millionen Euro. Der Bund macht also mit dem griechischen Desaster auch noch satte Profite.

Die Rechnung bezahlt die Mehrheit der griechischen Bevölkerung, nicht die Familie Onassis. Das griechische Volk wird in einen atemberaubenden Sozialabbau getrieben. Vor allem auf Druck der »eisernen Kanzlerin«. Zusätzlich zu den bereits geplanten Verschlechterungen werden 30 Milliarden Euro weggekürzt. Beschäftigten beim Staat wird das Gehalt um insgesamt 15 Prozent gestrichen. Die Renten werden weiter reduziert und die Mehrwertsteuer auf 23 Prozent angehoben. Und in der Privatwirtschaft will die Regierung den Kündigungsschutz lockern. Dies soll dazu führen, mit Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes die Menschen gefügig zu machen.

Die griechische Wirtschaft wird so nur noch weiter stranguliert. Für 2010 wird ein Einbruch der Wirtschaft um mehr als vier Prozent erwartet. Damit werden die Steuereinnahmen weiter zurückgehen und die Verschuldung droht, weiter zu steigen.

Deutsche Banken halten griechische Staatsanleihen von 30 Milliarden Euro in den Büchern. Sie verdienen an der Staatsverschuldung.

Ein sinnvolles Instrument zur Beteiligung des privaten Bankensektors ist eine Zwangsanleihe. Die Regierung könnte private Banken verpflichten, in Höhe von 0,5 Prozent der Bilanzsumme griechische Anleihen zu halten. 35 Milliarden Euro würden so zusammenkommen. Die Verzinsung müßte unterhalb des Satzes liegen, zu dem sich Banken Geld bei der Zentralbank leihen. Dann würde auch die Deutsche Bank für Griechenland zahlen.

Um die Probleme grundlegend anzugehen, muß das deutsche Lohndumping beendet werden. Der Euro kann nur funktionieren, wenn die Löhne in der Eurozone nicht völlig auseinanderlaufen. Die internationale Kritik an den deutschen Billiglöhnen ist berechtigt: Die Lohnstückkosten, das heißt die Löhne im Verhältnis zur Produktivität der Beschäftigten, stiegen im Rest der Eurozone seit 2000 um 27 Prozent, in Griechenland um 28 Prozent aber in Deutschland nur um sieben Prozent. Schuld sind unter anderem die Agenda 2010, Leiharbeit, Befristungen und Hartz IV. Deutschland hat wegen seiner Billiglöhne mehr Waren und Dienstleistungen an das Ausland verkauft als umgekehrt. Unsere EU-Partner mußten sich daher immer stärker bei uns verschulden. Für diese Auslandsschulden von privaten Haushalten und Unternehmen haftet in der Krise der Staat. Das griechische Finanzdesaster ist also auch Resultat deutscher Politik und deutschem Sozialabbau.

Deutschland muß mehr für die Binnennachfrage tun. Eine Sofortmaßnahme ist der gesetzliche Mindestlohn von zehn Euro. Außerdem muß das Arbeitslosengeld II auf 500 Euro angehoben werden. Und mit dem Zukunftsprogramm in Höhe von 100 Milliarden Euro müssen Bildung und Erziehung sowie Verkehr und die Energiewende vorangebracht werden. Zwei Millionen zusätzliche Beschäftigte, die so einen Job erhalten, führen zu einem deutlichen Schub der Binnenwirtschaft.

Brüderles Erklärung

23. April 2010  Gastbeiträge in Zeitungen

Gastbeitrag auf www.freitag.de

Der Wirtschaftsminister ignoriert die ökonomische Vernunft. Ohne Umverteilung wird es weder mehr Binnenachfrage noch ein steigendes Wachstum geben

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle verteidigt deutsche Exporterfolge. Deutschland habe sich seinen Exportüberschuss durch exzellente Produkte verdient.

Dies ist nur die halbe Wahrheit. Seit 2000 sinken die deutschen Reallöhne gegenüber deutlichen Lohnsteigerungen in allen anderen Industrieländern. Mit diesem Lohndumping erhielten deutsche Unternehmer eine Streitaxt zur Eroberung ausländischer Märkte. Die deutschen Lohnstückkosten sind seit 2000 nur um sieben Prozent angestiegen während im Schnitt der Euroländer ohne Deutschland der Zuwachs bei 27 Prozent lag.

Seit 2002 hat Deutschland einen Außenhandelsüberschuss von mehr als einer Billion Euro erzielt. Dies führte zu einer massiven Verschuldung anderer Länder, vor allem der USA und der europäischen Südländer. Diese Verschuldung ist in der Finanzmarktkrise kollabiert und nicht fortführbar. Jetzt rächt sich das deutsche Exportmodel. Ohne weitere Verschuldung der Absatzländer stockt der Export. Ganzen Beitrag lesen »

Der »Red New Deal« – sozial und öko

09. April 2010  Gastbeiträge in Zeitungen

von Michael Schlecht, erschienen im gedruckten Neuen Deutschland am 09.04.2010

Wirtschaftswachstum hat einen schlechten Ruf. Wachstum verursache ökologische Schäden und führe in die Klimakatastrophe. Die kapitalistische Wirtschaft rutschte 2009 in die Krise. Das Wachstum ging in Deutschland um rund 125 Milliarden Euro produzierter Waren und Dienstleistungen zurück. Mit weniger Produktion wird die Umwelt weniger belastet. Gleichzeitig nehmen aber die sozialen Problem zu. Arbeitslosigkeit steigt und die öffentlichen Haushalte stehen vor einem finanziellen Desaster, sodass ein massiver Sozialabbau droht. Oberflächliche Wachstumskritik kann kein ernstgemeinter Weg für mehr Ökologie sein.

Die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe, vor allem des Erdöls, weckt Hoffnungen, dass sich eine Energiewende zwangsläufig durchsetzt. Aber warum sollten die großen privaten Energiekonzerne – E.on, Vattenfall, RWE und EnBW – bei steigenden Preisen massiv in erneuerbare Energien investieren? Warum sollte ein Konzern auf eigene Rechnung neue Technologien erforschen? Richtschnur ist nur der kurzfristig zu erzielende Profite statt die Zukunft der Menschheit. Die Energieversorger halten daher an Kohlekraftwerken und Atomstrom fest. Um den ökologischen Umbau voranzubringen, müssen wir die Macht der großen Energiekonzerne brechen. Deshalb will die LINKE sie in öffentliche Verfügung überführen. Der »Red New Deal« verändert die gesellschaftlichen Strukturen. Und macht so den umfassenden ökologischen Umbau erst möglich.

Wirtschaftswachstum ist kein Selbstzweck. Vielmehr muss es um die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen gehen: Versorgung mit Wohnraum, ausreichende und gesunde Lebensmittel, Kleidung und vieles andere mehr. Wenn die LINKE für einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro und eine Anhebung des Arbeitslosengeld II auf 500 Euro streitet, dann führt dies zu einer wachsenden Nachfrage von rund 40 Milliarden Euro. Diese Nachfrage schafft Wachstum. Wer wollte soziale Verbesserungen mit ökologischen Argumenten verwehren? Wohl niemand! Ganzen Beitrag lesen »

Neues Spiel, altes Pech

29. März 2010  Gastbeiträge in Zeitungen

von Michael Schlecht, Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 29.03.2010

US-Präsident Barack Obama will „jeden Cent eintreiben, den die Banken der amerikanischen Bevölkerung schulden“. Er will Banken und Versicherungen zur Kasse bitten, die Zocker an die Leine nehmen. Banken sollen nicht mehr mit dem Geld der Zentralbank und der Sparer auf Währungen, Rohstoffe oder Aktien spekulieren. Die Beteiligung der Banken an Heuschrecken und Hedgefonds will er verbieten.

Bislang hat sich die Bundesregierung hinter den USA versteckt. Wenn an der Wall Street nicht reguliert werde, könne Deutschland nichts machen. Als Obama seine Pläne für eine Bankenabgabe vorstellte, hieß es, das sei nicht auf Deutschland übertragbar. Jetzt, kurz vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, plant die Regierung eine billige Raubkopie der US-Bankenabgabe. Die Banken sollen gerade einmal eine (!) Milliarde Euro im Jahr in einen Notfallfonds zahlen. Würde man die Abgabe nach dem Vorbild Obamas ausrichten, wären zumindest neun Milliarden Euro drin; so eine Berechnung des Finanzministeriums. Ganzen Beitrag lesen »

Griechisch-Deutsche Tragödie

Gastkolumne in Neues Deutschland

Spekulanten attackieren Griechenland. Dem Land droht der Staatsbankrott. Wo liegen die Ursachen der griechischen Tragödie? Sicher: In Griechenland herrscht Korruption und der Staatshaushalt wurde manipuliert. Nebenbei: Die US-Bank Goldman Sachs hat dabei auch noch geholfen. Außerdem drücken sich Besserverdienende, Unternehmer und Reiche vor dem Steuerzahlen. Die tatsächlichen Steuern auf Gewinne und Vermögen in Griechenland entsprechen nur der Hälfte der Eurozone. Etwa 30 Milliarden Euro werden jährlich an Steuern hinterzogen.

Vor allem aber: Griechenland hat seine Wettbewerbsfähigkeit verloren. Seit Jahren wird weniger exportiert als das Land importiert. Von 2000 bis 2008 summiert sich das Außenhandelsdefizit auf rund 270 Milliarden Euro. Handelsdefizite führen zu steigender Staatsverschuldung. Wenn sich Unternehmen und private Haushalte im Ausland immer mehr verschulden, haftet am Ende der Staat. Sinkende Steuereinnahmen zerrütten die Staatsfinanzen.

In Griechenland sind gegenwärtig die Probleme am größten, aber auch in Spanien und Irland sind die Außenhandelsdefizite massiv angestiegen. Diese Defizite sind das Spiegelbild des deutschen Außenhandelsüberschusses, der seit 2000 auf über eine Billion Euro gewachsen ist.

Für die Wettbewerbsfähigkeit ist neben den Löhnen die Steigerung der Produktivität entscheidend. Die Ökonomen fassen beides in den Lohnstückkosten zusammen. In den letzten zehn Jahren sind sie in allen Ländern der Euro-Zone um 20 bis 30 Prozent gestiegen, in Griechenland um 28 Prozent. Nur in Deutschland lag der Anstieg gerade einmal bei sieben Prozent!

Dieser geringe Anstieg geht vor allem auf das deutsche Lohndumping zurück. Reale Lohnsenkungen gab es im letzten Jahrzehnt nur in Deutschland. Früher konnten sich andere Länder durch Abwertung dem deutschen Druck erwehren. Mit der gemeinsamen Währung des Euros ist dies nicht mehr möglich. Sie sind dem Exportjunkie Deutschland ausgeliefert.

Das deutsche Lohndumping hat einen Namen: Agenda 2010 mit Befristungen, Lohndumping, Minijobs und Hartz IV. So wurde hierzulande nicht nur der Sozialstaat mit Füßen getreten, sondern auch den Unternehmern eine Streitaxt zur Eroberung ausländischer Märkte in die Hand gegeben. Heute führt der Druck der deutschen Unternehmer zur Zerrüttung anderer Volkswirtschaften. Auch deshalb muss die Agenda 2010 weg.

Wenn die Kanzlerin mit einem Finger auf Griechenland zeigt, dann zeigen vier Finger auf die deutsche Wirtschaftspolitik zurück. Wenn Griechenland jetzt in Sozialabbau getrieben wird, dann wird dies die Wirtschaftskrise vertiefen. Der Widerstand der Griechen verdient unsere Solidarität.

Die deutsche Regierung zockt. Sie erklärt, dass sie nicht hilft. Sie will den Druck auf Griechenland weiter erhöhen. Wenn die Regierung diesen Kurs nicht rechtzeitig ändert, rutscht Griechenland in den Staatsbankrott. Spekulanten werden weitere Länder wie Spanien und Portugal attackieren. Dann wackelt nicht nur die Akropolis, sondern der Euro. Längst geht es nicht mehr nur ums Geld, sondern um die Zukunft der Europäischen Union und des Friedens in Europa.